2010-01-28

#215

es bleibt bei einem post pro monat. gelegentlich bekümmert mich das. vor allem, wenn ich tagebuchblogs lese, die mich ein stückchen in das leben der blogger mitnehmen. aber ich wills nicht zwingen - und wenn sich mein bloggen irgendwann totläuft, dann ist das eben so. soll ja auch spaß machen.

ansonsten wechselt das leben zwischen "die minuten dehnen sich zu jahren" und "die tage verschwimmen zu einem film im schnellvorlauf", die arbeit ist zu oft zu hektisch und zu unfokussiert, das zehrt an meiner begeisterung. das wird sich bessern - aber wann? mich beschäftigt gerade ziemlich oft das alte mantra "love it, leave it or change it". leave it hatte ich ja schon einmal, eigentlich würde ich jetzt gern zu love it wechseln. aber dabei stehe ich mir gelegentlich selbst im weg. immerhin: die lern-lektüre ist angekommen, kostenrechnung und planung, und das werde ich jetzt auch endlich anpacken. (selbstverpflichtung nr. 134 oder so.)

zwischendurch mal wieder ein tier-gau: wegen einer technischen panne mit der bio-co2-düngung habe ich die hälfte meiner ichthyoiden mitbewohner umgebracht :'( dass nur 300 ml einer schnöde hefe-zucker-lösung gleich zum gau führen, das frustriert mich schon sehr.

und weil ich grad beim sterben bin: letzten freitag ist einer meiner onkel gestorben, der, der mir am liebsten war. ganz unvorhergesehen, er half noch mit bei einem umzug, und beim tragen von irgendwas brach er plötzlich zusammen und war tot. das ist für die, die übrigbleiben, das schlimmste überhaupt. und er war noch gar nicht alt, anfang 60, das is doch garnüscht!

allerdings hatte er wohl herzbeschwerden, und ihm wurden schrittmacher und später wohl auch transplantation nahegelegt. beides hat er nachdrücklich abgelehnt.

die lieblingsschwester hat mich deswegen gestern angerufen, morgen ist die beerdigung. (und es macht mich traurig, dass sie allem anschein nach vors loch geschoben wurde. normalerweise ruft mich meine mutter wegen jeder noch so kleinen verwandschaftssache an. hierfür nicht. obwohl sie weiß, dass sweetest und ich den m. sehr, sehr gerne hatten. das versteh ich nicht. wahrscheinlich tuts deswegen so weh.)

seine witwe (=meine tante) begräbt damit bereits ihren zweiten mann. sie tut mir wahnsinnig leid!! außerdem beschäftigt mich das natürlich sehr. es war bekannt, dass der m. herzbeschwerden hatte. die ärzte rieten übereinstimmend zu einem schrittmacher und wohl später zu einer transplantation. und nun hör ich meine tanten schon "wir haben es ja gesagt!" und so allerlei im stile von "ach, hätt er doch ...". ich kann sie ja verstehen, natürlich möchte man gern ganzganz lange mit dem geliebten partner zusammen sein. ist verständlich und liegt ja in der natur der partnerschaft.

andererseits: um welchen preis? der m. war immer einer, der viel lieber geholfen hat als hilfe in anspruch nehmen zu müssen. wenn ich ihn mir vorstelle, auf wochen oder monate bettlägerig nach einer herztransplantation, und hinterher immer unter immunsuppressiva und auf keime achten müssen - er, der so gern handwerklich tätig war - nein. ich glaube, das hätte ihn zugrunde gerichtet. klar, seine frau hätte sich sicher gern um ihn gekümmert. aber hätte er das gewollt? den eigenen zerfall bewusst miterleben?

meine tanten fanden das wohl ziemlich unerhört, und ich weiß, dass sie jetzt "haben wir ihm doch gesagt!" denken (oder - je nach rauhbautzigkeit - auch sagen). aber ich muss sagen, dass ich ihn auch verstehen kann: eine so große op und hernach für den rest des lebens jeden tag ein kilo pillen schlucken müssen und immer angst vor einer infektion oder weißderhenkerwas haben müssen ist so schon nicht besonders erfreulich. und dann ganz besonders für einen mann wie ihn, der viel lieber selber half als hilfe annehmen zu müssen. ich glaube, eine wochen- oder monatelange hilfs- und pflegebedürftigkeit hätte ihm den lebenswillen geraubt. womit der ganze aufwand ad absurdum geführt worden wäre. es tut mir so leid, dass ich ihn nicht noch einmal gesehen habe.

nun ist er gestorben, wie er gelebt hat: nach seiner façon. er hinterlässt eine große lücke. mascha kaleko fasst dieses thema schön in worte:

Vor meinem eignen Tod ist mir nicht bange,
nur vor dem Tode derer, die mir nah sind.
Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?
Das Gehen schmerzt nicht halb so wie das Bleiben,
der weiß es wohl, dem Gleiches widerfuhr –
und die es trugen, mögen mir vergeben.
Bedenkt – den eignen Tod, den stirbt man nur,
doch mit dem Tod der andern muss man leben.

m., du fehlst uns. mach's gut, und friede sei mit dir.